Noch 2 Starter vor mir.  Meine Hände sind feucht, mir ist furchtbar flau im Magen, ich bin super angespannt. Mein QH Wallach Angelo weiß gar nicht, was er tun soll. Total verrückte Informationen fluten ihn und machen ihn, eigentlich ne coole Socke, mindestens genauso nervös wie mich.

Gleich starten wir ne Reinging. Welche Pattern war noch mal dran?  Starte ich jetzt rechts oder links mit den Spins? Verflixt… hmmm, ich glaub es war rechts rum. Ok, schau ich mir schnell beim nächsten Starter ab… hoffentlich klappen die Stopps, da muss ich mich gut konzentrieren, tief reinsetzten und schön die Bauchmuskeln anspannen…

Mein Name aufgerufen, ich bin dran, ich weiss schon wieder nicht ganz genau, nach welcher Seite meine Spinns starten, die Aufregung ist uns beiden, Angelo und mir, deutlich anzumerken. Am Ende haben wir uns verritten und sind draussen.

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Mein Pferd ist mein Spiegel

Kennst Du diese Gedanken auch? Mich befallen sie in den unterschiedlichsten Momenten auf dem Turnier. Ich bin oft schon total mit Adrenalin vollgespült, wenn ich Angelo sattle oder auf dem Abreiteplatz bin.

Dein Pferd ist Dein Spiegel und deswegen merkt mein vierbeiniger Partner  ganz genau, dass etwas anders ist als sonst. Nicht nur die fremde Umgebung auch ich selbst bist anders. Meine Körperhaltung, meine Muskelspannung, meine Atmung und meine Körpersprache sind verändert. Meine Aufregung überträgt sich auf mein Pferd. Als Fluchttier wittere es Gefahr und ist schreckhafter und unaufmerksamer als zu Hause. Mit dieser Mischung ist es super schwer, unser Können in der Show voll zu entfalten.

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Lampenfieber – kann das weg?

Ich will gerne endlich meine Aufregung in den Griff bekommen und vor allem will ich, dass mir so ein peinlicher Fehler nicht mehr passiert. Also beginne ich zu recherchieren, was ich ändern kann. Gestolpert bin ich dann über mentales Training und ich dachte mir, was die im Fussball können, können wir Westernreiter doch auch. Die sehr übersichtliche Auswahl an Informationsmaterial und Bücher für Reiter hat mich allerdings sehr überrascht. So habe ich alles zusammengetragen, was ich als Westernreiterin aus dem Mentaltraining lernen kann.

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Mentaltraining – wozu ist das gut?

Ich begebe mich auf die Suche. Zuerst will ich wissen, was ist denn eigentliche Mentaltraining und was bringt mir das eigentlich? Meine erste Anlaufstelle ist Wikipedia, das weiss einfach alles, denke ich und bin von der ganz schön kompliziert klingenden Erklärung enttäuscht:

Hier wird das so erklärt: „Als Mentales Training oder Mentaltraining wird eine Vielfalt von psychologischen Methoden bezeichnet, welche das Ziel verfolgen, die soziale Kompetenz und die emotionale Kompetenz, die kognitiven Fähigkeiten, die Belastbarkeit, das Selbstbewusstsein, die mentale Stärke oder das Wohlbefinden zu fördern oder zu steigern.“

Nach Eberspächer klingt das schon mal so: „Mentales Training ist das planmäßig wiederholte, bewusste Sich-Vorstellen einer (sportlichen) Handlung, ohne deren gleichzeitige praktische Ausführung.“ (in EBERSPÄCHER 2007, modifiziert nach VOLPERT 1977)

Was Bitteschön soll ich alles machen und wie? Und was hat das mit das Westernreiten zu tun? Nach dem Durchforsten unzähliger Definitionen, bin ich zu meiner eigenen gelangt:

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Mit Mentaltraining eigne ich mir Fähigkeit an, in der Show meine beste Leistung zu präsentieren. Es hilft mir, mich zu motivieren, zu konzentrieren, meine Gedanken in Schach zu halten, meine Ziele zu erreichen, meinen Stresslevel zu kontrollieren  und mein Selbstwertgefühl zu steigern.

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Es geht also darum meine Gedanken und Einstellungen so zu regulieren, dass Aufregung, Leistungsdruck und äußere Einflüsse mein Können und meine Fähigkeiten nicht beeinträchtigen, sondern ich fokussiert Höchstleistungen erbringen kann.

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Wie genau hilft mir das jetzt beim Westernreiten?

Es gibt einige Studien, die belegen, dass das Zusammenspiel von aktivem und mentalem Training die größte Leistungssteigerung bewirkt. Ich kann mit mentalen Methoden mein tägliches Training ergänzen und damit effektiver trainieren. In der Show entscheidet zwischen zwei gleich starken Reitern, die mentale Stärke über Sieg oder Niederlage. Wenn ich meinen Trainingsalltag und die Turniertage entsprechend gestalte und vor- und nach bereite, kann ich beim Turnier reiten meine Leistung steigern und auf den Punkt genau abrufen. Verletzungspausen müssen zukünftig nicht mehr ungenutzt verstreichen, man kann hier das Mentaltraining nutzen, um in diesen Phasen aktiv zu bleiben.

Ich bin mir sicher, auch meine Einstellungen und Überzeugungen beim westernreiten müssen Teil des Trainings werden. Wenn ich achtsam und selbst-bewusst handele, lege ich den ersten Meilenstein zum Erfolg und werde besser reiten

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Wie konkret trainier ich ab sofort?

DAS Mentaltraining gibt es nicht. Es ist immer eine Kombination aus verschiedenen Methoden. Ich habe mich für folgende entscheiden und integriere sie in mein alltägliches Training:

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Visualisieren:

Mein Gehirn kann nicht zwischen Realität und Vorstellung unterscheiden. Je bildhafter meine Vorstellung ist desto besser kann sich mein Gehirn alles einprägen. Stell Dir einmal bildhaft eine Zitrone vor. Rieche den Duft und fühle gedanklich die Schale, dann schneidest Du sie auf und der Duft wird intensiver. Nun beisst Du hinein, immer noch in Gedanken natürlich. Merkst Du, wie Dir das Wasser im Mund zusammenläuft und Du leicht das Gesicht verzogen hast?

Deswegen kann ich mich gedanklich intensiv auf jede einzelne Feinheit beim Reiten konzentrieren und meine Pattern möglichst perfekt absolvieren. Das kann ich entweder, indem ich mir vorstelle mich selbst von aussen zu sehen, oder indem ich in Gedanken reite. In Studien konnte man signifikante Verbesserung der Leistungsfähigkeit nachweisen nur durch Visualisierung. Wie genau ich mein Visualisierungstraining aufbaue und wie man damit erfolgreich showt, erfährst Du hier.

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Entspannungstechniken:

Entspannung ist ein Zustand psychischer und psychischer Ruhe. In diesen Entspannungsphasen zwischen dem Training entsteht der größte Leistungszuwachs. Das ist auch bei Angelo so. Sein Training muss immer auch mit Entspannungsphasen abwechseln. Oft merke ich nach der Winterpause, dass wir trotzdem noch enger zusammengewachsen und besser geworden sind. Erstaunlich oder?

Wenn ich mich gedanklich entspanne, dann unterbreche ich den ständigen Gedankenstrom in meinem Kopf. Mein Geist ist nämlich wie ein kleiner Affe, der unermüdlich von Gedanke zu Gedanke hüpft und nicht still sitzen kann. Das ermüdet mich nicht nur geistig, sondern auch körperlich und emotional.

Entspannung hilft mir auf dem Turnier auch, mein Pferd zu entspannen. Sobald Angelo merkt, dass ich verspannt und nicht mehr locker bin, ist er das auch. Du kennst das bestimmt auch bei Deinem Pferd. Welche Entspannungstechniken ich genau anwende liest Du hier.

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Überprüfen der eigenen Überzeugungen und Handlungsmuster:

Ich hab festgestellt, dass ich Ziele viel eher erreiche, wenn ich an meinen eigenen Erfolg glaube. Bin ich jedoch gar nicht davon überzeugt, dann ist es unglaublich schwer erfolgreich zu sein, meistens bin ich dann gescheitert. Das selbe gilt natürlich auch beim westernreiten. Wenn ich glaube erfolgreich eine Show zu starten und zu meistern, reite ich viel fokussierter und damit erfolgreicher. 

Ich finde auch immer, dass ich viel besser reite, wenn ich fokussiert und von meinem Können überzeugt bin. Hinter diesem „Denken“ stehen unsere Glaubensmuster und Überzeugungen, die wir im Leben gelernt haben und die ganz unbewusst ablaufen. Damit habe ich mich viele Jahre beschäftigt. Das ändern meiner Glaubensmuster hat mich zu einem freieren und mutigerem Menschen gemacht. Wie mir das genau gelungen ist liest Du hier.

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Ziele richtig und herausfordernd setzten:

Ich habe festgestellt, dass ich mir Ziele setzten muss, sonst komme ich nämlich nicht da an wo ich eigentlich hin will. Im Jahr meiner Auszeit habe ich mir keine großen reiterlichen Ziele gesetzt und genau so wenig ist passiert. Jetzt habe ich mir bereits fürs nächste Jahr einen Turnierplan gemacht und mir schon mal wie Wochenenden geblockt. 

Ziele setzten und sich damit auch Herausforderungen zu stellen finde ich super und es ist das, was mich persönlich motiviert. Dazu plane ich sehr gerne. Das beginnt mit dem Trainingsalltag bis zu den Turnieren oder dem Aufstieg in die nächste Klasse bis zu meinem Traum einmal in der Ostbayernhalle zu reiten auf einer DM. Klar ich könnte natürlich auch einfach dort ein Turnier nennen, aber das ist eben nicht das gleiche. Wie ich meine Planung mache kannst Du hier lesen.

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Motivation:

Wie bekomme ich das hin, auch nach Niederlagen, Verletzungen oder einem Sturz weiterhin an mich und meine Ziele zu glauben? Wie kann ich mich auf dem weiten Weg zu meinem großen Ziel immer wieder motivieren und dran bleiben? Und was ist eigentlich das, was mich antreibt?

Schliesslich ist Motivation das wichtigste, wenn man Leistungen bringen will und große Ziele hat. Aber auch das Dankbar sein für die kleinen Erfolge und das Setzten und erreichen von kleinen Zwischenzielen kann super gut puschen. Manchmal muss ich mich scho ein wenig in den Hintern treten, um nach der Arbeit noch bei Angelo vorbei zu fahren und was mit ihm zu tun. Aber schon nach kurzer Zeit bin ich total entspannt und freue mich einfach im Stall zu sein,  mit einem tollen Lebewesen in Kontakt zu sein und mich anderen Herausforderungen zu stellen, als im Alltag.

Wie ich mich sonst noch motiviere liest Du hier.

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Wie hat Mentaltraining mein Leben verändert?

Daher ist mein persönlich größter Erfolg mit dem Mentaltraining, dass ich einerseits beim Westernreiten heute ohne Angst aufs Pferd steige und auf vielen Turnieren erfolgreich reite. Andrerseits hat es sich auch auf mein tägliches Leben ausgewirkt, indem ich mutiger, selbstbewusster, selbstsicherer und freier geworden bin. Mentales Training gehört heute zu meinem Alltag und zu meinem persönlichen Wachstum.

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Noch ein Starter vor mir. Gleich gehts in die Show. Angelo und ich gehen konzentriert im Warm up Bereich unsere Runden. Den Trubel rechts und links von mir bekommen ich nur gedämpft mit. In Gedanken reite ich die Pattern ein letztes mal durch, alles läuft perfekt, kein Patzer. Meine Aufregung habe ich im Griff, kann mich beruhigen, den Puls runter fahren.

Und schon sind wir dran. Ich hab das Gefühl wir sind eine Einheit. Auf einmal wird es leicht, es macht Spass, wir geben unser Bestes und zeigen was in uns steckt.  Jetzt haben wir schon gewonnen, die Schleife ist „nur noch“ das I-Tüpfelchen, berührt mich und macht mich stolz.

Mental gut westernreiten, denn siegen beginnt im Kopf!


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